Meinen ersten Sturnus vulgaris erlebte ich vor einigen Wochen an einem der ersten sommerlichen Tagen im Jahr. Sturnus vulgaris ist der gemeine Star, also der Vogel. Dass der so genannt wird, wusste ich damals nicht. Ich wusste nicht mal, dass ich einen Star beobachtet hatte. Aber der Reihe nach...

Frühlingsgefühle und Martinshörner

Ich saß Morgens auf einer Bank im Grünen und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen, die auf mich mich fielen. Mein Gesicht erwärmte sich, das Shirt wurde von der Sonne aufgeheizt und ich blickte - mit geschlossenen Augen natürlich - Richtung Sonne. Es war hell und warm und sommerlich, zahlreiche Insekten summten herum, die Vögel zwitscherten und ein leichter Wind strich über meine Haut. Leben spüren.

Und als ich da so saß und den beginnenden Frühling genoss, da brauste in einiger Entfernung ein Einsatzfahrzeug mit Martinshorn vorbei. Ich hörte nur das Tatü-Tata. Und plötzlich macht es es schräg über mir auch Tatü-Tata. Anders, aber eindeutig ein Martinshorn. Verwundert lauschte ich mehr auf dieses Geräusch. Ein Vogel, natürlich, aber es war erstaunlich, wie präzise dieser das Martinshorn nachmachte. Wir haben hier viele freilebende Halsbandsittiche und im ersten Moment dachte ich, dass so ein grüner Papagei seinen Gesang zum besten geben würde. Doch eigentlich schreiben die Sittiche immer nur recht laut herum.

Ich fokussierte wieder auf das Geräusch und sus dem Martinshorn wurde plötzlich eine Schreibmaschine. Es klackerte, wie das Anschlagen der Tasten. Dann neue Geräusche: elektronisches Piepsen, Maschinen... ich kann gar nicht mehr sagen, was ich alles hörte. Es war faszinierend und fast unglaublich, über was für ein großes Repertoire an Geräuschen ein einziger Vogel verfügt.

Anfängergeist entdecken

Ich folgte den Geräuschen und saß hoch erfreut über dieses Erlebnis auf der Bank. Nach einiger Zeit öffnete ich die Augen und blickte mich um - ganz vorsichtig natürlich. Und tatsächlich: schräg über mir saß ein Vogel. Ich konnte nur sein Köpfchen und seine Brust sehen. Schwarze, spitze, schmale Federn am Hals und ein schwarzer Schnabel:

Sturnus vulgaris
Foto: Michael Graf1

Über eine Suche im Internet fand ich recht schnell heraus, dass der kleine gefiederte Sänger ein Star ist und seit dem versuche ich, wieder einen Star zu entdecken. Bislang ist mir das nicht gelungen. Vielleicht ist es auch gerade deswegen ein so eindrucksvolles Erlebnis. Mehr Infos zum Sturnus vulgaris findest Du auch hier: Vögel im Garten.

Für mich war das bewusste wahrnehmen eines Stars etwas ganz Neues und noch nicht erlebtes. Im Zen nennt man eine offene Haltung, die frei von Vorurteilen oder Erfahrungen ist, Shoshin oder Anfängergeist.

Dieser Star war etwas ganz Neues für mich und ich hatte keinerlei Wissen über ihn. Gerade deswegen fiel es mir so leicht, ihn wahrzunehmen. Wäre das nicht eine wundervolle Übung?

Anfängergeist üben

Vielleicht kannst Du beim nächsten Hören eines Vogels ganz bewusst versuchen, diesen Vogel das allererste mal zu hören. Wie hört sich der Vogel an, wenn Du ihn noch nie zuvor gehört hast? Was löst sein Gesang in Dir aus und welche Geräusche nimmst Du wahr? Kannst Du dem Vogel lauschen und versuchen die Natur seines Gesang zu erkennen?

Lass Dir Zeit. Lausche. Folge seinem Gesang. Was ist zwischen den Geräuschen? Welche Geräusche macht der Vogel? Höre und nimm wahr. Versuche nicht zu analysieren oder zu interpretieren - höre nur, was da ist.

Dann kannst Du vorsichtig versuchen den Vogel mit den Augen zu entdecken. Wo sitzt er? Wie sitzt er? Was macht er beim Singen? Wie bewegt er sich?

Und dann schau, wie der Vogel mit seiner Umwelt interagiert. Sind da andere Vögel seiner Art? Singen diese gleichzeitig oder nacheinander? Wie verhalten diese sich zueinander?

Entdecke den Vogel ganz neu, als würdest Du ihn das erste mal sehen. Ist das nicht schön?